Trinken bis kurz vor der Operation

Bisher durften Patient:innen ab zwei Stunden vor der Operation nichts mehr trinken. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse sehen allerdings viele Vorteile, wenn das Gegenteil propagiert und bis zur Operation Wasser oder Apfelsaftschorle zu sich genommen wird.
Das Marienkrankenhaus setzt auf die patientenfreundliche Regel nicht ohne wissenschaftlichen Hintergrund. „Das Trinken klarer Flüssigkeiten wie Wasser oder klarer Apfelsaft ist bis zum Abruf zur Operation nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht“, erklärt Dr. Jörg Freyhoff, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin. Diverse Studien hätten eindeutig belegt, dass der Kreislauf davon deutlich profitiere. Dr. Freyhoff: „Nicht selten heißt es in den Kliniken leider immer noch, dass bei einer Vollnarkose oder Regionalanästhesie ab Mitternacht kein Essen und keine Getränke mehr gereicht werden dürfen.“ Patient:innen bleiben dadurch durchschnittlich sechs bis zehn Stunden nüchtern, bevor der eigentliche Eingriff beginnt. „Deshalb starten wir eine kleine Informationskampagne, um das neue Nüchternheit-Konzept bekannt zu machen und das Wohlbefinden der Patient:innen nicht weiter unnötig einzuschränken“, so Dr. Freyhoff.
Schließlich liegen die Vorteile auf der Hand. Die Aufnahme von klarer Flüssigkeit bis kurz vor der Operation erhöht die Sicherheit und senkt das Risiko postoperativer Komplikationen, vermindert das Durstgefühl und Unwohlsein, reduziert Stress und stabilisiert den Blutdruck. Weiterhin ist die Anlage venöser Zugänge leichter und das Risiko von Übelkeit und Erbrechen nach der Operation wird gesenkt. Der Kreislauf ist stabiler, die Patient:innen fühlen sich besser und die Zeit der unangenehmen Mundtrockenheit vor dem Operationssaal ist passé.
Bisher gab es die Maßgabe, dass das Trinken bis zwei Stunden vor der Operation aufgrund von Sorger der Aspiration von Mageninhalt zu untersagen. „Dass Mageninhalt während der Narkose in die Atemwege gelangen, ist hingegen inzwischen extrem unwahrscheinlich“, ergänzt Stephan Goeke, Leiter des Anästhesie-Pflegeteams. „Narkosen sind eine nicht zu unterschätzende Belastung für den Körper. Dann auch noch Flüssigkeiten ohne Begründung zu verwehren, hilft nicht weiter“, verweist Dr. Freyhoff zudem darauf, dass die Medikamenteneinnahme vor einer Operation vereinfacht und besonders bei älteren Patient:innen die Gefahr des Delirs deutlich reduziert wird. Deshalb gehört es in Schwerte mit zum neuen Konzept, im Aufwachraum unmittelbar nach der Operation ein Glas Wasser oder ein erfrischendes Wassereis anzubieten. Dank der überarbeiteten Empfehlungen verlassen die Patient:innen den Operationssaal in einem deutlich stabileren Gesamtzustand und mit der Aussicht, möglichst ohne Katheter und Drainagen zügiger mobilisiert und schneller das Bett eigenständig verlassen zu können.
Feste Nahrung ist von dieser Regel allerdings nach wie vor ausgeschlossen. Sechs Stunden vor einer Operation muss weiterhin Verzicht geübt werden.
n.